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Unfallverhütung – anders bewerten.

Foto erstellt Sicherheitstag in Salzburg, im Auftrag der TÜV Austria Akademie

Warum Psychische Erste Hilfe (PEH) ein wichtiger Baustein der Unfallprävention sowie des Sicherheits- und Risikomanagements ist

Dank der kontinuierlichen Weiterentwicklung der sicherheitstechnischen Prävention konnte die Zahl schwerer und tödlicher Arbeitsunfälle in den vergangenen Jahrzehnten deutlich reduziert werden. Gleichzeitig steigen psychische Belastungen und psychische Erkrankungen kontinuierlich an. Die Folgen außergewöhnlicher Belastungsereignisse bleiben jedoch häufig unbeachtet. Nicht selten werden erst Jahre später depressive Symptome, Angststörungen, Vermeidungsverhalten oder Persönlichkeitsveränderungen festgestellt. Viele Betroffene erhalten keine adäquate Unterstützung.

Seit 2013 ist die psychische Gesundheit ausdrücklich im ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) verankert. Dennoch konzentrieren sich betriebliche Notfallpläne häufig fast ausschließlich auf die medizinische Versorgung nach einem Unfall. Dabei stellt sich nach jedem Arbeitsunfall, Verkehrsunfall oder sonstigen kritischen Ereignis eine entscheidende Frage:

Wie einsatzfähig ist ein Mensch unmittelbar nach einem außergewöhnlichen Belastungsereignis?

Notfall passiert – und was passiert dann?

Wenn wir an Erste Hilfe denken, denken wir an Verbandskasten, Rettungskette und Notrufnummern. Die körperliche Versorgung nach einem Arbeitsunfall ist in Unternehmen gut organisiert. Doch was geschieht in den ersten Stunden und Tagen nach einem belastenden Ereignis auf psychischer Ebene?

Arbeitsunfälle hinterlassen häufig nicht nur körperliche, sondern auch psychische Spuren. Neben den direkt Betroffenen können auch Kolleg:innen, Führungskräfte oder Augenzeug:innen belastet sein. Viele Betroffene berichten von Schock, Verunsicherung, Konzentrationsstörungen oder dem Gefühl, „nicht mehr klar denken zu können“. In den ersten Stunden nach einem außergewöhnlichen Ereignis verändern sich Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Risikoeinschätzung. Tunnelblick, eingeschränkte Problemlösefähigkeit und reduzierte Entscheidungsqualität können die Folge sein.

Aus Sicht der Arbeitssicherheit ist dies von besonderer Bedeutung: Nach dem Unfall ist vor dem Folgeunfall.

Psychische Belastungen beeinflussen Aufmerksamkeit, Entscheidungsfähigkeit und Risikobewusstsein – und damit unmittelbar die Sicherheit am Arbeitsplatz.

Neben der psychischen Stabilisierung umfasst die betriebliche Notfallkette in der Akutphase selbstverständlich auch:

  • medizinische Erstversorgung
  • Alarmierung von Rettungskräften
  • Absicherung der Unfallstelle
  • Dokumentation des Ereignisses
  • Kontakt mit Behörden und Polizei (sofern erforderlich)
  • Unfalluntersuchung und Ursachenanalyse

Diese organisatorischen und rechtlichen Maßnahmen laufen parallel zur psychischen Betreuung der Betroffenen.

Psychische Erste Hilfe ersetzt daher keine bestehenden Notfallprozesse, sondern ergänzt diese um einen bislang oft vernachlässigten Aspekt: die psychische Einsatzfähigkeit von Mitarbeitenden nach kritischen Ereignissen.

Psychische Erste Hilfe als Teil der Sicherheitskultur

Psychische Erste Hilfe umfasst einfache und wirksame Maßnahmen zur Unterstützung von Menschen nach belastenden Ereignissen. Dabei geht es ausdrücklich nicht um Therapie oder Diagnostik, sondern um:

  • Sicherheit herstellen
  • Orientierung geben
  • Belastungsreaktionen einordnen
  • Unterstützung organisieren
  • Krontoll- und Handlungsfähigkeit fördern

Ziel ist es, Betroffene in den ersten Stunden und Tagen nach einem Ereignis zu stabilisieren und langfristige Belastungsfolgen möglichst zu vermeiden.

Internationale Studien und betriebliche Peer-Systeme zeigen, dass frühzeitige psychosoziale Unterstützung einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung kritischer Ereignisse leisten kann.

Integration in das betriebliche Sicherheitsmanagement

Psychische Erste Hilfe sollte Bestandteil bestehender Notfall- und Krisenpläne sein.
Dazu gehören insbesondere:

  • Schulung von Führungskräften, Sicherheitsvertrauenspersonen und Ersthelfer:innen
  • klare Abläufe nach kritischen Ereignissen
  • Einbindung arbeitspsychologischer Expertise
  • strukturierte Nachsorge für Betroffene und Teams
  • Förderung einer offenen Sicherheitskultur

Große Organisationen wie Verkehrsbetriebe, Eisenbahnunternehmen oder Einsatzorganisationen setzen seit vielen Jahren erfolgreich auf Peer-Systeme und psychosoziale Akutbetreuung.

Rechtliche Verantwortung

Das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz verpflichtet Arbeitgeber:innen, die Sicherheit und Gesundheit ihrer Beschäftigten zu schützen und bei der Übertragung von Aufgaben an Arbeitnehmer:innen deren Eignung in Bezug auf Sicherheit und Gesundheit zu berücksichtigen. Dabei ist insbesondere auf Konstitution und Körperkräfte… zu achten. (§ 6 ASchG) Arbeitnehmer, von denen dem Arbeitgeber bekannt ist, dass sie auf Grund ihrer gesundheitlichen Verfassung bei bestimmten Arbeiten einer besonderen Gefahr ausgesetzt wären oder andere Arbeitnehmer gefährden können, dürfen mit Arbeiten dieser Art nicht beschäftigt werde. Dies gilt auch (….) für zeitweilige Bewusstseinstrübung, Beeinträchtigung des Seh- oder Hörvermögens und schweren Depressionszustände. (§ 6 ASchG Abs. 3)  Foto KI erstellt

Psychische Erste Hilfe unterstützt Unternehmen somit,

  • Arbeitsfähigkeit und Einsatzfähigkeit sicher zu stellen,
  • Risikobewusstsein zu stärken,
  • Belastungsfolgen zu reduzieren,
  • Folgeunfälle zu vermeiden und
  • eine nachhaltige Sicherheitskultur zu fördern.

Fazit:

Psychische Belastungen können Wahrnehmung  v.a. von Hören und Sehen, Entscheidungsfähigkeit und Einsatzfähigkeit zeitweilig erheblich beeinträchtigen. Werden diese Faktoren nicht berücksichtigt, steigt das Risiko von Fehlern, Beinahe-Unfällen und weiteren Zwischenfällen.

Psychische Erste Hilfe bietet die Möglichkeit, Betroffene frühzeitig zu stabilisieren, ihre Bewältigungsressourcen zu stärken und die sichere Rückkehr in den Arbeitsalltag zu unterstützen.

Die Organisation der Notfallplanung geht über die medizinische Versorgung hinaus.

Der Verbandkasten versorgt die Verletzung.

Psychische Erste Hilfe versorgt den Menschen.

Beides gehört zu einer modernen Sicherheitskultur.